Jobsharing in der Praxis! Erfahrungen & Tipps der Tandem-Pressesprechrinnen der Hochschule Fresenius

Wie haben Sie sich kennengelernt und sind auf die Idee gekommen sich einen Job zu teilen?

Melanie Behrendt: Wir haben uns ganz zufällig kennengelernt. Während meiner Elternzeit bei einem Dax 30 Unternehmen habe ich als Dozentin an der Hochschule Fresenius gearbeitet. Dort kamen Melanie und ich bei einer gemeinsamen Prüfungsvorbereitung ins Gespräch. Wir beide hatten die Stellenausschreibung der Hochschule Fresenius gesehen. Dort wurde in Vollzeit eine Pressereferentin gesucht. Für mich war schon seit langem klar, dass ich mich beruflich verändern wollte. Mehr zeitliche Flexibilität ist für meinen Spagat zwischen Familie und Beruf wichtig. Melanie und ich haben uns dann spontan entschlossen mit einer gemeinsamen Bewerbung an die Hochschule heranzutreten. Denn eine Vollzeitstelle alleine hätten wir zeitlich nicht besetzen können.
Zuvor hatte ich bereits in diversen Vorstellungsgesprächen für klassische Vollzeitjobs unterschiedliche Strategien ausprobiert mit dem Ziel, weniger und flexibler arbeiten zu können. Ich scheiterte jedoch jedes Mal daran, sobald sich im Gespräch herauskristallisierte, dass ich nicht Vollzeit arbeiten konnte.

Wie lief das gesamte Bewerbungsverfahren ab?
Melanie Hahn: Wir haben ein gemeinsames Anschreiben formuliert und dann zwei Stapel Zeugnisse, zwei Lebensläufe und ein Arbeitszeitmodell an die Personalabteilung geschickt. In dem Arbeitszeitmodell erklärten wir ganz genau, wer wann arbeitet. So konnte unser potentieller Arbeitgeber detailliert nachvollziehen, wie wir uns organisieren.
Vor dem Bewerbungsgespräch haben wir uns konkret überlegt, welche Informationen der Arbeitnehmer über uns benötigt. Für den Arbeitnehmer ist es interessant zu wissen, wie wir uns als Tandem in das Unternehmen integrieren und Arbeitsprozesse optimieren können.
Melanie Behrendt: Wir sind selbstbewusst im Bewerbungsgespräch aufgetreten. Schließlich hatten wir einiges zu bieten. Gemeinsam bringen wir eine beachtliche Kompetenz im Kommunikationsbereich mit. Eine einzelne Person könnte ein derart breites Erfahrungsspektrum nicht abdecken.

Was sagt ihr Kollegium dazu?
Melanie Hahn: Sie nennen uns die M&Ms :-).
Anfangs musste sich unser Kollegium natürlich daran gewöhnen, dass wir zu zweit waren. Wenn eine von uns eine Info von einem Kollegen erhalten hatte, baten wir häufiger darum, die andere Melanie auch zu informieren. Mittlerweile werden wir beide in cc gesetzt.

Was sind die größten Vorteile, die sich für Ihr Privatleben ergeben haben?
Melanie Behrendt: Aufgrund der Tatsache, dass wir jeweils 20 und nicht 40 Stunden arbeiten, haben wir einfach mehr Zeit für Kinder und Familie. Auch wenn eine von uns krank oder im Urlaub ist, wissen wir, dass die andere da ist und einen vertritt. Es ist ein durchaus entspannendes Gefühl, wenn man aus dem Urlaub zurückkehrt und keine 400 unbearbeiteten E-Mails findet. Wir können uns eben zu 100% aufeinander verlassen und so auch in unserer Freizeit besser entspannen und sie genießen.

Was denken Sie ist relevant dafür, dass ein Tandem funktioniert?
Melanie Behrendt: Die Chemie muss stimmen – das ist besonders wichtig. Bevor zwei Jobsharer beschließen zusammenzuarbeiten, müssen sie sich unbedingt persönlich besser kennenlernen. Ehrlichkeit ist ganz wichtig und die Einstellung zum Arbeitsleben muss ähnlich sein. Wir beide sind zum Beispiel sehr motiviert und erst zufrieden, wenn alles perfekt ist. Aber wir sind beide so und deshalb funktioniert es auch.
Auch das Thema Loyalität ist ein essenzieller Faktor für ein funktionierendes Miteinander. Bei Fehlern ist es ganz klar: Wir stehen füreinander ein. Konkurrenzdenken darf es bei Tandems nicht geben – solche Tandems sind zum Scheitern verurteilt.

Haben Sie konkrete Tipps für Tandems?
Melanie Hahn: Wenn ein Tandem eine Bewerbung schreibt, sollte es sich überlegen, worin für den Arbeitgeber der Mehrwert liegt, zwei Personen anstatt nur einer einzustellen. Die Vorteile, die das Tandem für das Unternehmen mitbringt, müssen klar formuliert sein.
Auch das Vorstellungsgespräch sollte natürlich gut vorbereitet werden. Wir haben das Gespräch geprobt. Dadurch wollten wir vermeiden, dass eine die ganze Zeit spricht und die andere gar nicht zu Wort kommt. Wenn sich zum ersten Mal ein Tandem bewirbt, ist es für den Arbeitgeber nur schwer vorstellbar, wie zwei Menschen auf einer Position in der Praxis funktionieren sollen. Deshalb sollte man dem potentiellen Arbeitgeber konkret beschreiben, wie man die Arbeitsprozesse organisieren würde. Tandems sollten Eigeninitiative zeigen.

Danke, das sind ja wirklich tolle und vor allem praktische Tipps für zukünftige Tandems.
Melanie Behrendt: Vielleicht sollten wir eine Praxis-Buch rausgeben :-).

Es freut uns, dass Sie sich Zeit für uns genommen haben. Vielen Dank.

5 Kommentare

  1. Andrea V.

    Vielen Dank fur den inspirierenden Beitrag! Ich wünsche mur fur die Zukunft ein Professorinnen Tandem. Wie soll es sonst mit drei Kindern gut zu vereinbaren sein…

    • Liebe Andrea,
      das geht. Ich bin Professorin mit drei Kindern und einer Vollzeitstelle. Allerdings geht das natürlich nicht ohne Abstriche und die Frage des „gut zu vereinbaren“ (mit der Betonung auf „gut“) stellt sich da schon. Ein Tandem-Modell hört sich toll an und ist mit gutem Willen von Seiten der Tandem-Partner und des Arbeitgebers auch sicherlich zu vereinbaren.Auf jeden Fall bin ich schon gespannt wie es weitergeht mit der Idee von Tandemploy.

  2. Katja und Laura

    Liebe Melanies,
    wir sind ehemalige Kolleginnen und möchten uns als Tandem in Unternehmen bewerben. Bezüglich eures Vorschlags, der Bewerbung ein Arbeitszeitenmodell beizulegen, haben wir folgende Frage: Wie habt ihr eure Arbeitszeiten aufgeteilt? Wir haben gelesen, dass ihr auch Kinder habt, was bei uns auch der Fall ist, und wir fragen uns, wie wir das mit den Öffnungszeiten der Krippen/Kitas vereinbaren können.
    Wir danken euch für euren Input.

    • Marion Hellebrandt
      Marion Hellebrandt

      Liebe Katja, liebe Laura,
      die Arbeitszeiten lassen sich ganz unterschiedlich aufteilen. Wir kennen Tandems, bei denen der eine von Montag bis Mittwoch und der andere von Mittwoch bis Freitag da ist. Andere Tandems sind täglich zu unterschiedlichen Zeiten da. Wichtig ist, dass ihr eurem zukünftigen Vorgesetzten zeigt, dass ihr euch genau überlegt habt, wie ihr euch organisiert (dazu gehören natürlich auch eure Übergaben & Teammeetings).

      Unsere Eltern, die im Jobsharing arbeiten und ihre Kinder von der Kita abholen, verlassen das Büro am frühen Nachmittag. Denkbar ist, dass ihr gegebenenfalls am Nachmittag im Home Office seid.
      Eine andere denkbare Lösung von einem Tandem mit zwei Müttern sah so aus: Während die eine Jobsharerin im Büro war, hat ihre Partnerin beide Kinder abgeholt und sich um sie gekümmert. Damit haben sie sich abgewechselt – Jobsharing auf mehreren Ebenen. 🙂

  3. Wolfgang Willems

    Das hatte ich schon 1998 b is 2004 beim Saarländischen Rundfunk: Ich wollte nur halbtags arbeiten und ein Student wollte noch studieren. Damit war die unverzichtbare Position immer besetzt. In gegenseitiger Abstimmung – vollkommen willkürlich von Launen und Vorlesungsplänen bestimmt – wussten Vorgesetzte nur, dass einer da ist; mal nur für einen Tag, mal für mehrere Tage, auch schon für eine Woche und bei Urlaubszeit auch schon richtig lange. Bemerkenswerterweise war es schlussendlich zumeist so, dass trotz chaotischer Zeitplanung jeder fast immer genau einen halben Monat arbeitete. – Inzwischen arbeite ich als Lehrer und mein Jobsharing-Kollege ist ein erfolgreicher Rechtsanwalt.

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