Jobsharing bei RTL – „Es lag eigentlich nie etwas auf Festplatte C. Es war alles in der Mitte.“

(Andrea Sieben und ElisaSieben Behr SWbeth Behr)

Die Jobsharing Geschichte von Andrea Sieben und Elisabeth Behr begann vor 12 Jahren bei ihrem damaligen Arbeitgeber RTL. Andrea war schwanger – und Elisabeth wollte gerne noch einmal studieren. Das Jobsharing begleitete die beiden über 6 Jahre und 2 Kinder hinweg, während eines Studiums der Philosophie, Musikwissenschaften und Französisch, in den unterschiedlichsten Lebensphasen. Irgendwie hat dabei immer alles gepasst. Die enge Zusammenarbeit als Team hat das Leben der beiden entscheidend geprägt und vieles erst ermöglicht.

Wie fing eure Geschichte an?

Andrea:
Unsere Geschichte liegt schon 12 Jahre zurück, damals gab es solche Modelle wie Jobsharing nicht, niemand wusste davon. Das zeigt aber auch: Es geht und ist immer schon gegangen,  man muss nur auch Eigeninitiative ergreifen und aktiv Vorschläge machen.

Der Grund war wahrscheinlich der Klassiker, die Elternzeit. Ich war damals zwei Jahre im Job, wurde schwanger und steckte in einem Dilemma. Ich wollte meinen Job weitermachen und fand es ganz schlimm, mir vorzustellen, dass ich eines aufgeben muss. Lisa kannte ich aus dem Büro, sie arbeitete in einer anderen Abteilung. Ich wusste, dass sie nicht zufrieden im Job war und dachte mir, vielleicht kann sie ja meine Vertretung übernehmen und intern wechseln.

Elisabeth:
Ich hatte damals eine 40 Stundenwoche und war einfach nicht glücklich damit. Auch die Position war nicht die richtige.

Andrea:
Ich erzählte ihr recht schnell von meiner Idee und Lisa war sehr angetan. Also sprach ich meinen Chef darauf an. Seine Reaktion war glaube ich ziemlich typisch: Er war durchaus offen für meinen Vorschlag, ich würde es wohlwollend aufgeschlossen nennen. Dennoch hat er das Thema nicht gepushed. Es war eine Lösung, an die er noch nicht gedacht hatte. Und für uns alle war sie gut!

In welchen Bereichen bei RTL habt ihr damals gearbeitet?

Elisabeth:
Ich war in der internen Kostenrechnung.

Andrea:
Ich hatte eine Stabsstelle in der EDV Abteilung und war dort als Business Manager auch „für alle Zahlen“ zuständig. Man kann sich meine Position vorstellen wie einen kaufmännischen Leiter des Bereiches. Unsere Abteilung hatte rund 50 Mitarbeiter. Es gab viel Kommunikations- und Koordinationsaufwand.

Wie ging es weiter, nachdem dein Chef, Andrea, zugestimmt hatte?

Andrea:
Es ging dann sehr schnell. Lisa hatte auch ein Gespräch mit meinem Chef und dann fing es auch bald schon an. Ich ging 6 Monate in Elternzeit und Lisa übernahm in dieser Zeit meine Stelle voll. Sie wechselte erst einmal intern die Abteilung, von einer Vollzeitstelle in die andere.

Elisabeth:
Nach einem halben Jahr kam Andrea dann mit 20 Stunden wieder. Und nach kurzer Zeit, zum nächsten Semester, reduzierte ich meine Stunden, um ein Studium zu beginnen. Ich studierte von da an Französisch, Philosophie und Musikwissenschaft.

Andrea:
Es war nie alles bis ins Detail durchgeplant, es hat sich einfach gefügt und gepasst. Das lag aber vor allem daran, dass es in menschlicher Hinsicht immer gepasst hat und wir uns alle sehr gut auf einander eingestimmt haben.

Wir haben in der Zeit auch andere Mütter in Elternzeit erlebt, auch in unserer Abteilung. Das hat nicht immer so reibungslos geklappt. Eine gewisse Flexibilität ist aus unserer Erfahrung heraus eine notwendige Bedingung für das Funktionieren solcher Modelle.

Welche Charaktereigenschaften oder auch Umstände haben bei euch dazu beigetragen, dass es geklappt hat? 

Andrea:
Gegenseitigkeit und Commitment sind sehr wichtig. Flexibilität und eine gewisse Leichtigkeit und Lockerheit im Umgang mit den Kollginnen und Kollegen. Wir wurden mit der Zeit als eine Einheit akzeptiert und geschätzt, als eine Person mit zwei Köpfen und vier Armen. Wir hatten zwar auch einen Kalender im Büro hängen, in dem stand, wann wer da sein sollte…

Elisabeth:
… aber der wurde eher zum Running Gag, wenn ich mal nicht da war, wenn es auf dem Stundenplan stand…

Andrea:
Dabei haben wir gemerkt, wie wenig es auf Anwesenheit ankommt. Sie ist schlicht und einfach nicht entscheidend. Wobei, das haben unsere Mitmenschen nicht ganz so gesehen :). Lisa war mittags öfter mal im Schwimmbad und nicht am Arbeitsplatz. Dafür hat sie dann am Abend alles Liegengebliebene zu Hause erledigt. Oder wir haben uns am Wochenende getroffen und gemeinsam Dinge zu Ende gebracht. Viel wichtiger als Anwesenheit ist die geistige Flexibilität, dass man durch die Brille des anderen gucken kann und sich auf ihn einstellt. Außerdem nützlich ist ein gewisses Effizienzdenken: Wer kann das jetzt gerade am besten und schnellsten erledigen? Und man muss immer kommunizieren! Um das richtig zu lernen hätten wir gerade zu Beginn alle 4-6 Wochen einen Coach oder Mediator gut gebrauchen können. Das gab’s aber damals nicht, es ging auch so.

Elisabeth:
Treue und Loyalität sind auch extrem wichtig. Gerade zu Beginn kamen Kollegen aus der Abteilung auf mich zu und sagten Dinge wie „die Andrea macht das zwar anders, aber wir machen das jetzt so und so…“. Hier galt es, sich nicht beeinflussen zu lassen und ganz auf den Tandempartner zu vertrauen. Transparenz ist sehr wichtig!

Andrea:
Um transparent zu sein hatten wir zwar eigene Email-Accounts, aber einen gemeinsamen Folder, in dem alle Emails lagen, die uns beide betrafen. Wir haben die Emails immer gedoppelt, uns immer in CC gesetzt.

Elisabeth:
Es lag eigentlich nie etwas auf Festplatte C. Es war alles in der Mitte.

Wie lange seid ihr dann beim Jobsharing Modell geblieben?

Andrea:
6 Jahre und 2 Kinder. Ja tatsächlich… als mein zweites Kind kam, nahm Lisa ein Urlaubssemester. Danach reduzierte sie wieder und ich kam zurück. Es hat sich immer alles irgendwie gefügt. Nach sechs Jahren kam es dann zu Umstrukturierungen, unser Chef ging und damit brach auch unser Konstrukt auseinander. Das passte aber auch, wir waren da wieder in anderen Lebensphasen. Lisa hatte sich für ein Auslandssemester in Frankreich entschieden und kündigte. Auch ich verließ RTL, wir gingen ungefähr zur gleichen Zeit. Lisas Auslandssemester wurde dann etwas länger. Sie brachte einen Mann und zwei Kinder mit zurück.

Was macht ihr jetzt?

Andrea:
Viel :). Wir haben jede eine halbe Stelle bei unterschiedlichen Arbeitgebern – und machen uns gerade gemeinsam selbstständig mit dem ZAHLENCOACH. Damit wollen wir eigentlich genau das anbieten, was wir früher intern gemacht haben, nämlich ein Sparringspartner sein in allen kaufmännischen Fragen – für Unternehmer bzw. Selbstständige, die auf Zahlenseite Unterstützung gebrauchen können. Die Idee hatte ich schon lange und Lisa hatte ich gedanklich immer dabei, allerdings war Lisa da noch in Frankreich. Jetzt ist sie zurück und ihr Sohn kommt im Sommer in den Kindergarten – und dann starten wir! Wir wissen ja zum Glück schon, dass wir gut zusammen arbeiten können.

Elisabeth:
Wir sind ein eingespieltes Team, wir können einfach loslaufen.

Eine tolle Geschichte, die ihr zu erzählen habt!

Andrea:
Ja, das ist es wirklich, eine tolle Geschichte. Man müsste sie viel öfter erzählen, um zu zeigen, was möglich ist. Das Jobsharing hat mein Leben in dem Maße beeinflusst, dass dadurch einfach alles ging. Ich konnte beides haben, war immer im Job. Ich wusste immer, dass ich wieder anknüpfen kann, dass ich mich immer neu entscheiden kann. Ach, da fällt mir noch etwas ein, was wichtig ist beim Jobsharing: Humor! Wenn flapsige Sprüche kommen, dass man um drei schon geht, dann muss man das einfach abkönnen.

Vielen Dank euch beiden für eure Zeit und das Interview! 

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