„Ohne die Stresssituationen einer Teilzeitstelle“ – Jobsharing bei der Deutschen Bahn

Katja Jenkner (l.) und Dorle Springer teilen sich die Leitung Vertriebskonzepte und Vertragsrealisierung bei der Deutschen Bahn in Frankfurt. Wie sie sich organisieren – und warum das Jobsharing Modell für sie selber und ihren Arbeitgeber große Vorteile mit sich bringt, haben die beiden uns im Interview verraten.

Wie sind Sie beiden zum Jobsharing gekommen?

Dorle Springer:
Wir haben drei Jahre lang bei DB Regio ein Büro geteilt und haben uns bestens verstanden. Neben dem Persönlichen haben wir aber auch festgestellt, dass wir uns gegenseitig sehr gute Sparringspartner sind, obwohl die Themenbereiche sich nicht sehr ähnlich waren. Katja Jenkner hatte bereits eine Tochter als ich schwanger wurde. Sie kam auf mich zu und schlug ein Jobsharing Modell nach der Rückkehr aus der Elternzeit vor. Als Leiterin einer Abteilung wollte ich die Position gerne weiterhin wahrnehmen, wußte jedoch, dass ich nicht zu 100% zurückkehren wollte und konnte mir unser Tandem sehr gut vorstellen. Ich war schnell begeistert und ging auf meinen Chef zu, anschließend überzeugten Katja Jenkner und ich gemeinsam die Geschäftsführung der DB Vertrieb.

Wie teilen Sie sich auf – und wie organisieren Sie sich konkret im Alltag?

Katja Jenkner:
Wir arbeiten beide zu 60%, ich bin die erste Wochenhälfte da, Dorle Springer die zweite Hälfte, in der Wochenmitte haben wir einen gemeinsamen Vormittag im Büro. Die genauen Zeit haben wir gleich in der ersten gemeinsamen Woche an alle Kollegen verteilt. Zudem haben wir uns gegenseitig die Mailfiles und Kalender freigeschaltet, die Telefone umgestellt (wenn der andere nicht da ist) und unseren Kollegen erläutert, dass sie einfach einen von beiden oder auch beide zu einem Termin einladen können – einer wird immer da sein. Zweimal in der Woche haben wir uns eine Übergabe im Kalender reserviert, die die Informationsweitergabe sicherstellt. Unser Anspruch besteht darin austauschbar zu sein. Daher teilen wir uns nicht nach Themen, sondern nach Zeiten auf und geben alle Informationen weiter. Es kommt immer wieder die Frage auf, ob es in der so engen Zusammenarbeit und Vergleichbarkeit der Leistungen nicht zu Schwierigkeiten kommt. Aber warum sollten die Karriere auf Kosten unseres Jobsharingpartners machen? Das wäre sehr ungeschickt.

Wie schätzen Sie Ihren Kommunikationsaufwand ein, ist er wesentlich höher als in anderen Formen der Teamarbeit?

Dorle Springer:
Der Kommunikationsaufwand ist schon sehr hoch, da alle Informationen weitergegeben werden müssen. Ein Ergebnis eines Termins ist sehr schnell zusammengefasst, aber es geht gerade in einer Führungsposition auch viel um Stimmungen, Zwischentöne etc. Die müssen ebenfalls transportiert werden. Doch mit der Zeit wird man auch damit immer schneller. Eine Teamarbeit betrifft gegebenenfalls vielleicht nicht alle Themen, die den jeweiligen Job betreffen.

Was sind für Sie die größten Vorteile von Jobsharing? Was sind vielleicht auch die schönsten Nebeneffekte für Ihren Arbeitgeber?

Katja Jenkner:
Der größte Vorteil aus persönlicher Sicht liegt in der hervorragenden Möglichkeit, Familie und Beruf zu vereinbaren, ohne in die häufigen Stresssituationen einer Teilzeitstelle zu gelangen. Nach meinem ersten Kind kam ich in einer Projektleitungsstelle in Teilzeit zurück und kann daher den Unterschied sehr gut beurteilen. Wenn ich nun meinen freien Tag habe, kann ich ganz entspannt das Leben genießen, da ich genau weiß, dass Dorle Springer an den Themen arbeitet. Und wenn es dann doch mal ganz angespannt werden sollte, könnten wir uns ggf. noch aushelfen. Außerdem empfinden wir es beide als sehr vorteilhaft, unsere Gedanken austauschen zu können. Bislang hat sich noch nie jemand so gut in meinem eigenen Job ausgekannt. Aus Arbeitgebersicht ist das Modell sehr vorteilhaft, da in unserem Fall 120% Arbeitszeit, zwei kreative Köpfe mit unterschiedlichen Stärken und eine sehr hohe Effizienz zur Verfügung steht. Allein durch unsere Übergabe überprüfen wir zweimal in der Woche den Stand unserer Tätigkeit und besprechen die nächste Schritte. Vorteilhaft ist ebenfalls, dass wir nicht gleichzeitig Urlaub nehmen, und die Stelle zumindest noch mit 60% besetzt ist. Die Deutsche Bahn hat sich Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf vorgenommen – mit diesem Modell hat sie eine sehr gute Maßnahme gefunden.

Würden Sie das Modell wieder wählen, wenn Sie sich erneut entscheiden könnten?

Dorle Springer:
Die Antwort ist sehr einfach: Auf jeden Fall! Wir können es nur sehr empfehlen!

Vielen herzlichen Dank für Ihre Zeit und Antworten!  

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