„Für unser persönliches Wachstum und als Mehrwert für die Kunden.“ – Jobsharing bei cmx consulting

Christoph Karsten und Nicolas Woldmann wollen als Unternehmensberater-Tandem Jobsharing als Modell etablieren.

cmx consulting ist eine Strategie- und Organisationsberatung, die auf das Thema „Kunde“ spezialisiert ist. Ganz entgegen der gängigen Vorurteile –Berater haben eine 80h-Woche-, arbeiten dort Christoph Karsten und Nicolas Woldmann als Unternehmensberater-Tandem. Über ihre Erfahrungen mit Jobsharing, die Reaktionen von Kollegen und Kunden und was Tandemploy mit ihrer Teamfindung zu tun hatte, haben wir mit den beiden im Interview gesprochen.

Ihr beiden teilt euch einen Job als Unternehmensberater – geht das überhaupt?
Christoph: Genau das versuchen Nico und ich zu beweisen. Wir – und damit meine ich die Jungs und Mädels bei cmx consulting ebenso wie natürlich Nico und mich – glauben fest daran, dass es geht. Wir merken aber auch, dass das kein Selbstläufer ist. Erstens stößt ein solches Modell intern an Grenzen, weil viele gewachsene Strukturen und Prozesse die besonderen Bedürfnisse und Herausforderungen gar nicht berücksichtigen können, die durch die ‚Teilung’ eines Jobs entstehen. Und dann ist da ja auch noch die Dimension ‚Kunde‘. Das heißt, dass es bei uns nicht nur darum geht, intern bestimmte Aufgaben aufzuteilen und die Zusammenarbeit mit den Kollegen bestmöglich zu gestalten, sondern dass wir eben auch unsere Beratungskunden davon überzeugen müssen, dass es Vorteile hat, mit zwei ganzen Persönlichkeiten und Erfahrungshorizonten jeweils zur Hälfte zusammenzuarbeiten, statt mit einer ganz.
Nico: In den meisten Projekten, die wir betreuen, ist es die Regel, dass wir nicht täglich, sondern nur für vorab vereinbarte Termine beim Kunden sind. Die übrigen Tage arbeiten wir aus dem Büro oder Home Office. Insofern erwarten unsere Kunden hier keine 100%ige Anwesenheit einer Einzelperson. Da wir uns über verschiedene Kanäle sehr eng abstimmen und uns gegenseitig auf dem Laufenden halten, sind wir beide jederzeit in der Lage, die Kundenanforderungen zu erfüllen. Ich empfinde es auch als sehr hilfreich und bereichernd, mich mit Christoph über bestimmte Themen und Aufgabenstellungen auszutauschen, bevor wir sie „veröffentlichen“ – da kommt der Vorteil des 4-Augen-Prinzips voll zum Tragen; für unser persönliches Wachstum und als Mehrwert für die Kunden.

Wie habt ihr euch gefunden und welche Rolle hat Tandemploy dabei gespielt?
Christoph: Nico und ich kennen schon aus zwei vorigen Leben. Wir waren vor einigen Jahren gemeinsam bei einem Ingenieurdienstleister im Airbus-Umfeld angestellt. Später haben wir uns nochmal zusammengefunden, als wir beide zunächst unabhängig voneinander anfingen, Ideen für ein anderes Arbeits- bzw. Lebensmodell zu entwickeln als das der ‚vollständig abhängigen Beschäftigung‘. Dabei haben wir zunächst ein technisches Produkt entwickelt, an dem wir auch heute noch arbeiten. Irgendwann merkten wir aber auch, dass Ideen spinnen und technische Spielereien zu entwickeln nicht unmittelbar Umsatz generiert. Da wir beide jeder Familie haben, die versorgt werden will, haben wir nach Möglichkeiten gesucht, einerseits ein geregeltes Einkommen und andererseits Freiräume zu haben.
Nico: Als Ergänzung zu Christophs Antwort: Ich war auf der Suche nach einer anspruchsvollen Aufgabe, die auch in Teilzeit adäquat bezahlt ist. Wir hatten bereits mit der Idee gespielt, uns als Projektleiterteam mit gemeinsamen Unterlagen auf klassische Positionen zu bewerben und sind dann, soweit ich mich erinnere, durch einen Artikel über Tandemploy gestolpert. Kurz nach der Anmeldung wurde mir Dr. Claudio Felten, mittlerweile unser Chef, als Tandempartner vorgeschlagen – auf dessen Stellenausschreibung wir gerade unsere Unterlagen einreichen wollten. In Summe haben wir also über Tandemploy nicht nur die Ausschreibung für unsere „Traumposition“ gefunden, sondern durch die Partner-Empfehlung auch gleich einen persönlichen Kontakt herstellen können.

Wie sieht euer Jobsharing ganz praktisch aus, wer reist zum Beispiel wann zum Kunden?
Christoph: Das hängt von mehreren Faktoren ab. Das wichtigste Kriterium ist zunächst ganz banal, wer von uns beiden an einem solchen Termin Zeit hat. Wenn wir beide grundsätzlich können, ist die nächste Frage, wer will. Das ist insofern cool, als es durchaus Situationen gibt, in denen ich lieber passe und dann dankbar bin, wenn Nico darauf Lust hat – und umgekehrt natürlich auch 😉
Nico: Wir stimmen uns vor jedem Termin ab, wer ihn wahrnimmt. Es kommt auch durchaus vor, dass wir gemeinsam zu einem Termin fahren, z.B. wenn dort Stakeholder Interviews zu führen oder wichtige Präsentationen zu halten sind.

Was waren wichtige Fragen und Themen, die ihr zu Beginn erstmal klären musstet?
Christoph: Oha, wo fange ich da an. Das Thema Urlaub ist eins. Wie berechnet man Urlaub für eine halbe Stelle, wenn es bisher nur ganze gab? Zunächst haben wir versucht, den 100% Anspruch runterzurechnen. Da wir aber keine feste Regelung haben, wer an welchen Wochentagen arbeitet und wer nicht, haben wir das mittlerweile so gelöst, dass jeder von uns den vollen Anspruch an Urlaubstagen hat (wie die anderen Beraterkollegen auch) und bei längeren Zeiträumen dafür aber eben für jeden freien Tag Urlaub nehmen muss. Zweites Thema wäre unser variabler Gehaltsanteil. Da war die Frage, ob wir jeder individuell unsere Ziele erreichen sollen oder ob wir gemeinsam in einen Topf arbeiten, was wir eben jetzt auch machen. Nächstes Thema: Firmenwagen. Wie teilt man sich einen Dienstwagen, wenn das dafür zur Verfügung stehende Budget nicht für zwei „halbe“ Autos reicht? In diesem Punkt sind wir beispielsweise noch dabei, eine Lösung zu finden. Bei all diesen Fragen hat sich für uns aber eine grundsätzliche Haltung herausgebildet: Bei allen Fragen, Prozessen und Anforderungen versuchen wir grundsätzlich, das Tandem als eine Einheit zu betrachten und auch zu behandeln. Erst, wenn sich partout keine sinnvolle und praktikable Lösung findet, suchen wir Kompromisslösungen auf individueller Basis.
Nico: Auch: Wie wollen wir von außen wahrgenommen werden? Wir haben jetzt eine gemeinsame E-Mail-Adresse und Telefonnummer für das Tandem, auf die beide zugreifen können, so dass immer mindestens einer von uns erreichbar ist. Dadurch stellen wir sogar eine höhere Verfügbarkeit sicher, als eine Einzelperson leisten könnte. Unsere Visitenkarten werden wir als Tandem-Karte mit beiden Namen aber den gemeinsamen Kontaktdaten erstellen lassen. Wir mussten auch Erfahrungen sammeln, wie hoch der Aufwand für unsere „interne“ Kommunikation und Abstimmung als Tandem tatsächlich ist und das ins Verhältnis zum üblichen Kommunikationsaufwand in Projektteams setzen, mit der Fragestellung, wie produktiv wir wirklich als Tandem sind.

Wie waren die Reaktionen der Kunden, gab es Zweifler oder solche, die Angst vor erhöhten Kosten hatten?
Christoph: Oh ja, die gab es. Wir hatten schon Termine, in denen wir das Gefühl hatten, dass das Konzept Tandem ein wenig irritiert hat. Insbesondere der Aspekt, dass wir neben unserem cmx-Leben auch noch andere führen, kann gerade in traditionell geführten Unternehmen zu Unruhe führen, so nach dem Motto „Was, wenn die unsere eigenen Leute auf ‚blöde‘ Ideen bringen?“. Es reagieren aber bei weitem nicht alle so. Die meisten sind eher neugierig und interessiert, wie wir darauf gekommen sind, uns einen solchen Job zu teilen und wie wir das denn ganz konkret umsetzen.
Nico: Angst vor erhöhten Kosten war dort nach unserer Wahrnehmung nicht ausschlaggebend. Wir rechnen ja nach Tagessatz ab. Eher eine Angst vor mangelnder Verfügbarkeit oder auch das Bild, dass jemand, der „nur“ Teilzeit macht, weniger engagiert wäre. Dabei ist das Gegenteil der Fall. Da ich weniger Stunden pro Woche im Projekt arbeite, verfüge ich über mehr Energie und Motivation und bin während der gesamten Arbeitszeit konzentriert und fokussiert. Der Anspruch ist ja, die Zeit optimal zu nutzen.

Ihr seid bereits als Tandem zu eurem jetzigen Arbeitgeber gekommen. Ganz im Gegensatz zu vielen Jobsharing-Paaren, die sich innerhalb einer Firma finden. Wie haben die neuen Kollegen reagiert? Wollen jetzt alle Jobsharing machen ;-)?
Christoph: So weit sind wir meines Erachtens noch lange nicht. Das Modell Jobsharing ist neu bei cmx und ruft dementsprechend auch Skepsis hervor. Das ist grundsätzlich gut so, denn nur, wenn wir das Neue und das Bewährte so zusammenbringen, dass sich beides gegenseitig ergänzt, kann daraus langfristig positive Entwicklung entstehen. Das kann aber eben auch dazu führen, dass bestehende Lösungen, die für uns als Tandem nicht mehr passen, plötzlich auch für andere neu gedacht und gemacht werden müssen. Die Kunst besteht dann darin, noch bessere Lösungen als die bestehenden zu entwickeln, sodass am Ende nicht nur wir als Tandem profitieren. Und wenn dann hoffentlich irgendwann ein Kollege das auch wollen würde, wüssten wir, dass wir auf dem richtigen Weg sind.
Nico: Wir bekommen hier und da mit, dass unser Modell nicht unbedingt dem Selbstverständnis einiger Kollegen entspricht, für die ein Beraterjob grundsätzlich mit uneingeschränktem zeitlichen Engagement und daraus resultierender 80 h Woche verbunden ist. Jobsharing ist augenscheinlich nicht für alle Kollegen eine Option. Andere finden das Modell zumindest so interessant, dass sie neugierig sind.

Was ist euer Resümee nach den ersten Monaten? Was war euer schönster Jobsharing-Moment bisher?
Nico:
Als Resümee denke ich zum jetzigen Zeitpunkt, dass wir noch viel Arbeit vor uns haben, was die Optimierung des Konzepts im Beratungsumfeld und die Akzeptanz bei Kollegen und Kunden betrifft. Wir konnten einige Fragestellungen elegant lösen und häufig ist es lediglich eine Frage der Anpassungsfähigkeit existierender Strukturen und der Offenheit des Umfelds. Auf jeden Fall treiben wir durch unsere besonderen Anforderungen und die dadurch nötige flexible und mobile Arbeitsweise die „Virtualisierung“ des Berufsalltags voran. Für mich war ein schöner Moment, diese Woche aus dem Urlaub zurück zu kommen und von Christoph zu hören, dass wir mit einem während meiner Abwesenheit abgeschlossenen CRM Projekt den Kunden von unserer Arbeit so begeistern konnten, dass wir auch bei seinen nächsten Schritten auf jeden Fall dabei sein sollen. Und dabei „Tandem“ gar kein Thema war.
Christoph: Für mich war es bemerkenswert, aus meinem Urlaub zurückzukommen und festzustellen, dass dank Nico nichts, aber auch gar nichts liegengeblieben war. Ich konnte ohne Aufholaufwand ins Tagesgeschäft einsteigen, das kannte ich aus meinen bisherigen Jobs ganz anders. Und mein Resümee? Jobsharing ist die einzige Form der Festanstellung, die für mich noch in Frage kommt. Alles andere ist mir mittlerweile viel zu unfrei. Die Herausforderung besteht für mich darin, dieses Modell so zu etablieren, dass es neben anderen Modellen wie der „Vollzeit mit durch üppiges Gehalt abgegoltener Mehrarbeit“ existieren kann. Und da haben wir noch ein gutes Stück Weg vor uns.

Ganz herzlichen Dank für das Interview und eure Zeit!

2 Kommentare

  1. Danke für den spannenden Beitrag. Ich würde mich freuen, darüber zu lesen, ob sich das Modell langfristig bewährt. Ich finde das Jobsharing grundsätzlich sehr attraktiv, aber bisher hat es sich bei uns ja noch nicht so sehr durchgesetzt. Aber dort sind die rechtlichen Rahmenbedingungen auch ganz anders. Die Behandlung der Jobsharing Parteien dort als eine organisatorische Einheit macht es für den Arbeitgeber wahrscheinlich attraktiver.

  2. Spannender Ansatz. Bietet sicherlich euch beiden eine Menge Mehrwert.
    Wie wird das Angebot vom Kunden angenommen?

    Wechslende Ansprechpartner kenne ich ja schon von meiner Bank usw. Da ist nicht immer hilfreich bzw. es muss sehr viel dokumentiert werden, um die Kundenfortschritte zu kennen.

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