Ein Team, viele Tandems – Solidrinks denken Arbeit und Integration ganz neu.

Solidrinks: Roberta Di Martino, Homayoon Jafari, Patrick Kintzi, Verena Tonelli, Frauke Wiegand, Mohamed ‘Manti’ Diallo

Solidrinks – das ist Sozialunternehmen, gemeinnütziger Verein und gesellschaftspolitische Kampagne zugleich. Sie sammeln Geld für sozial relevante Projekte und verbreiten über die Flaschen ihrer Solimate eine Botschaft gegen Diskriminierung und Rassismus. Das Team arbeitet außerdem in verschiedenen, immer wieder flexibel gebildeten Tandems – eine Mischung aus Mentoring und Jobsharing. Momentan läuft zudem ihre Crowdfunding-Kampagne. Das waren für uns genug gute Gründe, um mit Frauke und Roberta von Solidrinks ein Interview über ihre tolle Vision zu führen.

Das ist ja heute ein ganz besonderes Jobsharing-Interview, da ihr sehr flexible Tandems habt, also eure Tandems bilden sich je nach Aufgabe auch immer mal neu, oder?
Roberta: Ja, genau. Wir sind auch noch in der Aufbau- und Ausprobier-Phase. Bei Solidrinks im Tandem zu arbeiten ist eine Mischung aus Mentoring und Jobsharing. Die Idee zum Projekt kam ja von einer bunten Mischung Berliner, mit und ohne Flucht- oder Migrationshintergrund. Grundsätzlich war also vor allem ein integratives und interkulturelles Tandem geplant, bei dem sich Geflüchtete, also Neuangekommene, und Altberliner einen Arbeitsplatz teilen. Im Moment hangeln wir uns eher von Aufgabe zu Aufgabe zu zweit – und arbeiten in ganz unterschiedlichen Konstellationen – nicht nur Refugee und Nicht-Refugee, sondern je nachdem, wie es zu den jeweiligen Persönlichkeiten, Kenntnissen und Interessen passt und so, dass wir uns möglichst gut ergänzen.

Wie sieht das ganz praktisch aus? Also wie teilt ihr Aufgaben auf? Und wie organisiert ihr euch zeitlich?
Frauke: Noch läuft das alles etwas spontan, und viele der Aufgaben begegnen uns zum ersten Mal. Wir lernen beim ‘Anpacken’ gemeinsam, wer besonders gut in was ist (was meistens damit einhergeht, was dem/r Einzelnen besonders viel Spass macht). Wir arbeiten alle noch ehrenamtlich, mit ganz unterschiedlichen Wünschen und Kapazitäten. Die Zeit, die jede*r in Solidrinks stecken kann und will, besprechen wir immer wieder neu.  Aber auch ganz klassische Elemente des Jobsharings fallen an, wie flexible Arbeitsorte und -zeiten, geteilte Email-Postfächer: Ich habe einen kleinen Sohn und noch einen anderen Job, Patrick drei Kinder, Homayoon einen Sprachkurs und viele Behördengänge, Manti ein Online-Studium: wir alle bestimmen relativ frei, wann wir arbeiten.
Roberta: Ganz praktisch müssen wir laufend die Antworten zu den folgenden Fragen kombinieren: Was ist zu tun? Wer will was machen? Wer möchte wo etwas lernen (und wer kann etwas vermitteln)? Wer braucht Hilfe bei einer Aufgabe? Und natürlich: was haben wir beim letzten Mal falsch gemacht, hat sich jemand benachteiligt, übergangen oder nicht wertgeschätzt gefühlt? Wie können wir das klären und was können wir ändern?

Frauke und Roberta von Solidrinks

Wie kam es dazu, dass ihr in Tandems arbeitet? Oder: Wie seid ihr auf die Idee gekommen, Tandems zur Integration und zum kulturellen Austausch zu nutzen?
Roberta: Ich hatte mir sowas immer gewünscht, als ich aus Italien nach Berlin gekommen bin. Jemand, der mir einfach ein bisschen vermittelt, worauf es ankommt bei der Kommunikation mit den Kollegen und vor allem bei der formellen Arbeits-Korrespondenz: Wie drücke ich mich gut aus im Deutschen? Bei Solidrinks texte ich jetzt zusammen mit Frauke.
Frauke: Das klappt hervorragend! Ich komme auch auf ganz andere Sachen. Und wir erfinden Redensarten neu, die es so wahrscheinlich noch gar nicht gegeben hat im Deutschen! Das Solitandem war einfach die logische Konsequenz aus unseren vorherigen Arbeitserfahrungen und unserem persönlichen sozialen Engagement, eigentlich eine Kombination aus beidem. Integration funktioniert  nicht einseitig. Es gehören immer zwei Seiten dazu. Die aufeinander zugehen und voneinander lernen, und vor allem: sich erstmal ernst nehmen und zuhören. Auch das Mentoring ist beidseitig zu verstehen. Während der eine sein lokales Netzwerk und sein Wissen über lokale Arbeitsformen teilt, steuert der andere Expertenwissen oder einfach bestimmte zwischenmenschliche Fähigkeiten bei. Wir haben auch schnell gemerkt, dass Dinge wie Vertrieb, vor allem das klassische Klinkenputzen, sowieso zu zweit viel leichter sind und einfach mehr Spass machen.

Wie sind bisher eure Erfahrungen damit?
Frauke: Wir sind auf dem richtigen Weg! Er ist eventuell ein bisschen holpriger als wir am Anfang dachten und ganz klar zeitintensiver, aber es zahlt sich aus und da wir Grundlagenarbeit machen und keiner von uns vorher schon mal ein Sozialunternehmen, geschweige denn interkulturelle Tandems, aufgebaut hat, ist es völlig in Ordnung, dass wir kleine Schritte machen.
Roberta: Arbeiten im Tandem erfordert Empathie, Ehrlichkeit, Vertrauen und Zuverlässigkeit. Man muss ausdrücken können, was man will und kann, man lernt, sich in den anderen hineinzuversetzen, das richtige Maß an Input und Betreuung einerseits bzw. Eigeninitiative und Autonomie zu finden. Ich kann mich kaum daran erinnern, wann ich zuletzt so viel gelernt habe!

Homa und Verena auf Sales-Tour

Momentan läuft eure Crowdfunding-Kampagne. Erzählt doch nochmal, um was es bei eurem Projekt Solidrinks genau geht und was euer Ziel ist.
Roberta: Hinter Solidrinks steht die Idee ein nachhaltiges Spendensystem für die vielen Initiativen von Geflüchteten zu schaffen und gleichzeitig ihre Inhalte zu verbreiten, um einen Dialog im öffentlichen Raum anzuregen. Wir entwickeln einzigartige Getränke aus fair gehandelten Zutaten und unterstützen zur Zeit 4 Initiativen mit einem festen Betrag pro verkaufte Flasche (und später 100% der Gewinne). Jede unterstützte Initiative hat ihr eigenes Etikett. Du siehst sofort, wo deine Spende hingeht und wofür sich die Initiative einsetzt, auf den Solishouts, die wir zusammen entwickeln. Für uns war klar, dass sich der Gedanke der Solidarität durch unsere gesamte Arbeitsstruktur ziehen soll. Wir sind ein diverses Team, das vor allem auch Geflüchteten und jenen Menschen, die es aufgrund ihrer Herkunft besonders schwer haben in Deutschland ihre Ideen einzubringen, eine erfüllende Arbeit ermöglichen will. Frauke: Unser Projekt ist für den Deutschen Integratonspreis der Hertie-Stiftung nominiert. Und der ist an Crowdfunding gebunden. Mit Hilfe der Crowd wollen wir die nächsten wichtigen Schritte gehen: die ersten Tandemstellen für die Geflüchteten im Team, die Miete für ein Büro und einen Teil der nächsten Solidrinks-Produktion finanzieren. Bis 2. Mai haben wir noch Zeit und im Moment fehlen uns noch knapp 6.000€.

Vielen Dank für eure Zeit und den kleinen Einblick in eure tolle Arbeit! Wir wünschen euch viel Erfolg!
Wer Solidrinks jetzt gerne unterstützen möchte, kann das hier tun!

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