„Wir wollen Jobsharing bei uns aktiv fördern!“ – Beiersdorf wird Pionier unter den DAX-Konzernen

Personalvorstand Zhengrong Liu möchte Jobsharing bei Beiersdorf fördern. Führungskraft Geraldine Weilandt hat bereits ein Tandem in ihrem Team. 

Beiersdorf nutzt als eines der ersten DAX-Unternehmen in Deutschland unsere interne Flexibilisierungs-Software flex:workz – um Mitarbeiter selbstständig Jobsharing-Partner innerhalb des Konzerns finden zu lassen. Nicht nur der als besonders innovativ geltende Personalvorstand Zhengrong Liu steht hinter dem Modell und dem neuen Tool, das vor allem von den Mitarbeitern, nicht von HR, gesteuert wird.  Auch die ersten Führungskräfte und Mitarbeiter von Beiersdorf haben bereits gute Erfahrungen mit Jobsharing gemacht und freuen sich, dass das Zustandekommen ab sofort nicht mehr dem Zufall überlassen sein wird.

Géraldine Weilandt ist Marketing Direktorin Pharmacy Deutschland bei Beiersdorf – und macht sich in ihrer Abteilung für flexibles Arbeiten und Jobsharing bis in die Teamleitungsebene stark. Sie und eines ihrer Tandems haben uns von ihren Beweggründen und aus ihrem ganz praktischen Alltag erzählt.

Den Spagat, den klassische Teilzeit oft mit sich bringt, kennt Géraldine Weilandt, die seit 20 Jahren bei Beiersdorf arbeitet, aus eigener Erfahrung – und möchte genau das ihren Mitarbeitern einfacher machen. Denn wenn zwei Menschen einen Job teilen, so ist sie sich mittlerweile sicher, wird flexibles Arbeiten gerade auch in verantwortungsvollen, komplexen Aufgabenbereichen leichter möglich. Das entlaste den Einzelnen und sei auch für Führungskräfte ein großer Vorteil. „Erstens hat man die Nachteile einer klassischen Teilzeitbesetzung einfach nicht, die Woche ist abgedeckt, es ist ja immer einer da. Zweitens spüre ich extreme Vorteile, wenn zwei Menschen mit unterschiedlichen Profilen und Stärken so eng zusammenarbeiten. Der Output wird dadurch reifer! Drittens, und das ist wirklich ein enormes Plus, habe ich bei Tandems keine Urlaubslücken mehr. Selbst wenn sich zwei Jobsharer nicht voll vertreten, ist doch immer noch die eine Hälfte da.

Anfangs musste sie durchboxen, dass ein Tandem auch eine 120%-Stelle besetzen darf und so natürliche Überschneidungen gegeben sind, nach den ersten Erfahrungen und guten Feedbacks aus dem Team wurden die Zweifel aber schnell leiser. Im Januar ist ein Tandem in ihrer Abteilung gestartet und hat uns im Kurzinterview seine Perspektive geschildert. Julia Kutz und Wiebke Maerker-Scheel teilen sich die Rolle der Group Brand Managerin für Eucerin Face Care.

Julia Kutz und Wiebke Maerker-Scheel, wie klappt das Jobsharing, wie verlief die Startphase?
Wiebke Maerker-Scheel: „Wir haben uns bereits vor dem gemeinsamen Start mit anderen Jobsharern ausgetauscht und unterschiedliche Modelle zu Aufteilung der Arbeitszeiten und Übergabe für uns bewertet. Dann hieß es, das Ganze für uns aufzusetzen und zu starten, denn es musste sich ja im Alltag bewähren – und zwar idealerweise ohne, dass das Umfeld oder die Arbeit davon beeinträchtigt werden… Nach etwas Feilen und Anpassen haben wir nun einen sehr guten Weg gefunden, uns zu organisieren. Wir genießen die gemeinsamen Stunden, bei denen wir wichtige Themen zusammen durchdenken und erarbeiten. Wir genießen aber auch, dass in Abwesenheit die Partnerin für einen mitdenkt, die E-Mail-Inbox in Schach hält, Termine koordiniert und wir somit in der freien Zeit auch wirklich frei sind für unsere Familien.“

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Julia Kutz und Wiebke Maerker-Scheel teilen sich bei Beiersdorf die Rolle der Group Brand Managerin für Eucerin Face Care.

Wie organisieren Sie sich ganz konkret, wie sprechen Sie sich ab und teilen Ihr Wissen?
Julia Kutz: „Wir arbeiten jeweils 2,5 Tage im Büro und 3 Stunden im Homeoffice. Nur einen Vormittag – am Mittwoch – sind wir gemeinsam im Büro für Übergabe und gemeinsame Team-Termine. Wir teilen uns eine E-Mail-Adresse und einen Kalender, haben feste Ablageregeln für E-Mails und Dokumente etabliert und organisieren die Übergabe mit einer laufenden Projektliste, die wir kontinuierlich pflegen. Diese gehen wir nach Möglichkeit bei jedem ‚Handover‘, also 2x pro Woche, telefonisch oder im Büro gemeinsam durch.“

Haben Sie beide den Vergleich zu einer typischen Teilzeitstelle und wenn ja, merken Sie Unterschiede?
Julia Kutz: „Ich habe den Job vor dem gemeinsamen Start mit Wiebke für zwei Monate allein gemacht: fünf Tage die Woche, 9-14:30h. Meiner Meinung nach lässt sich eine Position auf dem Level mit einem klassischen Teilzeit-Modell nicht adäquat abdecken. Es bleibt im Büro neben diversen Meetings einfach viel zu wenig Zeit, vor allem für die Mitarbeiter. Man wird am Ende niemandem gerecht, am allerwenigsten sich selbst.“

Wiebke Maerker-Scheel: „Dies ist bereits mein dritter Teilzeitjob. Nach meiner Rückkehr aus der zweiten Elternzeit gab es in Teilzeit keine entsprechende Stelle, also bin ich erstmal auf Produkt Manager Level wieder eingestiegen. Dies war zeitlich gut zu schaffen, aber mir fehlte vor allem die strategische Arbeit. Dann bekam ich das Angebot, als Managing Director die Geschäftsführung des Eucerin Haut Instituts zu übernehmen. Eine riesige Chance und eine Stelle, die ich mit hoher Leidenschaft ausgeübt habe. Diese Vollzeitstelle in Teilzeit zu schaffen war jedoch eine Herausforderung, auch für meine Familie. Der Vorteil des Jobsharing ist für mich, dass ganz klar definiert ist, wer wann im ‚Driver Seat‘ ist. Bei den meisten anderen verantwortungsvollen Stellen fühlt man sich automatisch schlecht, wenn man nicht im Büro ist und arbeitet übers Smartphone auch wenn man zuhause ist.“

Aus welchen Beweggründen haben Sie sich für Jobsharing entschieden – und was sind für Sie die größten Vorteile?
Julia Kutz: „Für mich ist der Vorteil, dass ich eine verantwortungsvolle Aufgabe übernehmen kann, die mir Spaß macht, und trotzdem in Teilzeit arbeiten kann. Ich habe so viel besser die Möglichkeit, meine beruflichen und persönlichen Wünsche zu vereinbaren. Gemeinsam zu arbeiten und so besseren Output zu liefern, ist aber auch ein großer Vorteil, was mir vorher so gar nicht bewusst war.“

Wiebke Maerker-Scheel: „Ich möchte meiner Familie mit zwei Kindern gerecht werden und viel Zeit mit Ihnen erleben. Auf der anderen Seite arbeite ich bereits seit 14 Jahren für Beiersdorf und genieße die vielfältige Arbeit im Konzern. Darauf möchte ich nicht verzichten. Als unsere Chefin ein Jobsharing mit Julia vorschlug war ich sofort begeistert: Julia hatte genau wie ich diese Stelle schon einmal verantwortet, denn sie war meine Nachfolge als ich in Elternzeit ging. Somit wusste ich schon, dass wir gemeinsam die Stelle sicherlich sehr gut würden besetzen können.“

Was sagen Ihre Kollegen und Kolleginnen zu Ihrem Jobsharing, wie sind die Reaktionen, wollen die ersten schon nachziehen?
Julia Kutz: „Die Reaktionen sind durchweg positiv und viele sind sehr daran interessiert, wie wir arbeiten. Schön ist natürlich auch, dass unser Team uns so toll unterstützt und voll mitzieht. Momente, in denen ich erlebe, dass es für unser Gegenüber völlig austauschbar ist, mit wem er es gerade zu tun hat, zeigen mir außerdem, dass wir auf dem richtigen Weg sind.“

Wiebke Maerker-Scheel: „.. zudem kommt die Art wie wir unser Jobsharing betreiben gut an: Wir achten aufeinander und unterstützen uns sehr. Ich habe somit schon mehrfach von Kolleginnen O-Töne wie: ‚Ich hätte auch gerne eine Sharing-Partnerin‘ gehört.“

Was war ihr bisher schönster Jobsharing-Moment?
Julia Kutz: „Da gibt es so viele. Es sind aber eigentlich die kleinen Momente, in denen man merkt, dass der andere für einen mitdenkt und arbeitet: z.B. wenn ich nach meinem freien Tag morgens ins Büro komme, die Übergabe-Mappe und einen lieben Gruß vorfinde, darüber hinaus einen organisierten Kalender und eine aufgeräumte Inbox. So kann ich gleich losstarten… ‚Sharing is caring‘, wie Wiebke so schön sagt….“

Wiebke Maerker-Scheel: „Es gibt viele Momente, aber das Schönste ist einfach das grundsätzliche Gefühl, sich aufeinander verlassen zu können und zu wissen, dass die Arbeit weiterverfolgt wird, auch wenn man nicht da ist. Toll ist auch, wenn man merkt, dass man gemeinsam auf Themen viel schneller vorankommt als allein – und das trotz mehrfacher Übergaben.“

Bei der Frage, ob Géraldine Weilandt als Vorgesetzte bei einem Jobsharing-Tandem wie diesem nicht mehr managen und organisieren müsse, antwortet sie vehement: „Nein, überhaupt nicht! Die beiden organisieren sich sehr eigenständig, verfolgen ein Ziel und sprechen mit einer Stimme. Sofern man kein Alphatier ist und Jobsharing wirklich machen möchte, klappt das meiner Erfahrung nach in der Praxis extrem gut.“

Der Personalvorstand, Zhengrong Liu, unterstützt die zunehmende Flexibilisierung der Arbeit ganz bewusst: „Mit der Jobsharing-Plattform wollen wir neue Formen der Zusammenarbeit ermöglichen. Wir vernetzen Beiersdorfer, die sich für Jobsharing interessieren und daran vorsichtig herantasten wollen.“ Jobsharing beschränke sich dabei nicht allein auf Mütter in Elternzeit. „Es gibt verschiedene Lebenssituationen, wo Jobsharing sowohl beruflich als auch privat sinnvoll sein kann. Das gilt für Frauen wie Männer.“

Wir freuen uns über so viel Pioniergeist und Innovationsfreude eines DAX-Konzerns und hoffen auf viele weitere flexible Nachahmer! Mehr Infos zu unserer internen Software flex:workz gibt es hier.

3 Kommentare

  1. Hallo , ich finde es einerseits toll, andererseits finde ich es aber sehr schade, wenn der Konzern sich nicht nach außen öffnet, um die interessanten Sharingstellen auch anderen Jobsuchenden , anbieten zu können. Das hilft sicher leichter die Passungen zu finden und gibt noch mehr Input in Sachen Diversity, was für ein Unternehmen sicher gut ist. Ich habe in der letzten Zeit auch sehr viel über Euer Angebot nachgedacht. Ich denke es gibt noch viele tolle Anwendungsmöglichkeiten, die noch gar nicht so genutzt werden. Insgesamt kann es sein, dass es eine Lösung für viele Probleme ist: Jobs für Alleinerziehende, Möglichkeit sich parallel selbstständig zu machen, Integration von Menschen mit Einschränkungen, die eine 40 Stunden Woche nicht leisten können etc, Counternehmerstellen für start ups…Ich finde es schade, dass es keine Plattform gibt, auf der man anonym als Sharingsuchender von sehr vielen Firmen gefunden werden kann, oder als Arbeitgeber sich anschauen kann, wer evtl.zu einem passt und ich würde mich sehr freuen, wenn Ihr so etwas zur Verfügung stellen würdet. Als kleines Unternehmen wage ich jedenfalls keine Stellenanzeige, weil mir die Bewerbungsflut zu groß wäre . Der Nutzen würde enorm sein und ich denke für so etwas gibt es sicher einen Markt. Viel Erfolg weiterhin. Eure Eva-Catrin

    • Raya Kolchakova
      Raya Kolchakova

      Liebe Eva-Catrin, wir sehen das genau so! Wir haben nach Ansätzen gesucht, die jetzt die Kraft haben, wirklich etwas zu verändern. Im Jobsharing haben wir eine Lösung gefunden, die uns nicht mehr losgelassen hat und unser Meinung nach viele Anwendungsmöglichkeiten hat. Deswegen freuen wir uns wenn Unternehmen wie Beiersdorf den mutigen Schritt mit uns gehen und etwas verändern.Jetzt und hier. Jobsharing erstmal nur intern anzubieten ist für einige Unternehmen auch ein logischer erster Schritt. Man muss für die Akzeptanz unter den eigenen Mitarbeitern sorgen, Prozesse einführen und etablieren um sich dann nach außen zu öffnen. Das folgt bestimmt ganz bald. Auch bei viele weitere Unternehmen. Vielen Dank auch für Deine Anregungen und Ideen!Es freut uns sehr, dass das Modell und unsere Produkte Dich auch als Unternehmerin begeistern. Genau deswegen machen wir weiter und arbeiten daran Tandemploy.com & flex.workz ständig zu optimieren und haben einige neue Features für 2017 geplant.

  2. Daniela Anger

    Hallo, auch ich finde es sehr schade, dass wenig Firmen sich nach außen öffnen für Jobsharing. Ich verfolge jetzt seit 1 Jahr Tandemploy. Aus meinem Bereich Medizintechnik habe ich bisher keine einzige Firma gefunden, die offen dafür wäre. In diesem Bereich hat man häufig sehr große Gebiete, wie Süddeutschland oder gleich ganz Deutschland. Meiner Meinung beste Vorrausetzungen um die Vorteile von Jobsharing zu nutzen. Oft werden Techniker mit Vertriebserfahrung gesucht oder Techniker mit sehr guten Anwenderkenntnissen. Man wäre mit zwei Wohnsitzen und zwei Backgrounds wesentlich flexibler und könnte Stärken gezielt einsetzten.
    Aber die Realität ist leider anders. Als Mitglied von xing werde ich regelmäßig kontaktiert. Das ich aber in Teilzeit oder im Jobsharing suche wird nicht mal erkannt. Die letzte Aussage von einer Personalvermittlung, dass Aushilfen nicht über Direktvermittler gesucht werden, holte mich auf den Boden der Tatsachen zurück.
    Aber toi, toi, toi. Ich glaube an Jobsharing und bin guter Zuversicht, dass sich der Arbeitsmarkt ändert.

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