Als Tandem in die Selbstständigkeit – Ein Interview mit Agilanda

Ulli und Berit ergänzen sich als Tandem perfekt – fest angestellt und selbstständig.

Berit Kitzing und Ulrike Zickermann haben sich bei einem Unternehmen die Stelle als Abteilungsleitung Softwareentwicklung im Tandem geteilt. Durch strukturelle Veränderungen haben sie irgendwann das Unternehmen verlassen. Ihre Arbeit als Tandem war jedoch so erfolgreich, dass sie gemeinsam Agilanda gegründet haben. Sie beraten Sozialunternehmen und unterstützen sie dabei, ihre soziale und gesellschaftliche Wirkung zu erhöhen. Wir haben mit den beiden über ihren gemeinsamen Weg und die Vorteile der Tandem-Selbstständigkeit gesprochen.

Ulli und Berit, ihr habt euch in einem Software Unternehmen kennengelernt. Wie seid ihr genau zum 2er-Team geworden?
Berit: Genau genommen haben wir uns schon vorher gekannt – flüchtig aus der Kita, in die unsere Kinder gingen. Ich habe damals nach Unterstützung für meinen Job als Abteilungsleitung Softwareentwicklung gesucht und hatte Ulli davon erzählt und sie hatte Lust. Damit wurden wir zum Team.
Ulli: Genau! Zu Beginn war ich eher Berits Assistenz – bis sie in Elternzeit gegangen ist und ich gefragt wurde, ob ich sie während ihrer Abwesenheit komplett vertreten würde. Nach anfänglicher Zweifel, ob ich der Aufgabe gewachsen sei, nahm ich die Herausforderung an. Ich habe viel gelernt und mich auch in meiner neuen Rolle sehr wohl gefühlt.
Berit: Als ich dann wieder zurückgekommen bin, haben wir uns die Stelle geteilt. Es gab ja genug Projekte. In Teilzeit habe ich bereits vor der Elternzeit gearbeitet. Zusammen hatten wir dann eine 60 Stunden Woche.

Das klingt ganz nach Jobsharing?
Berit: Ja, uns ist erst später aufgefallen, dass wir eigentlich ein Tandem sind, aber so haben wir das nie genannt.  Wir hatten zwar unterschiedliche Aufgaben, doch waren wir beide in der gleichen Führungsposition und konnten uns im Krankheitsfall oder bei Urlaub immer komplett vertreten. Wir hatten den gleichen Verantwortungsbereich und auch viele Entscheidungsfreiräume.
Ulli: Und wir waren zusammen auf Konferenzen, haben uns zusammen weitergebildet und auch gemeinsam Projekte geplant und die Entwickler-Teams geleitet.

Wie wurde eure 2er Besetzung vom Team und der Geschäftsführung wahrgenommen? Gab es Probleme?
Ulli: Nein, eigentlich nie. Wir waren uns in unseren Entscheidungen nahezu immer einig und auch unser gesamtes Auftreten wirkte einheitlich. Dadurch haben wir nie Angriffsfläche dafür geboten, gegeneinander ausgespielt zu werden. Wir haben im Team zusammengearbeitet und das wusste auch jeder.
Berit: Im Prinzip standen wir zwischen der Geschäftsführung und dem Team und haben uns entsprechend auch für die Interessen des Teams bei der Geschäftsführung eingesetzt. Es gab eigentlich nie Probleme – wir haben uns in unserer Rolle sehr wohl und wertgeschätzt gefühlt und auch positives Feedback seitens des Teams und der Geschäftsführung erhalten.

Klingt erstmal toll, trotzdem seid ihr gegangen. Wieso?
Ulli: Nach viereinhalb Jahren in einem Unternehmen, deren Kunden vorrangig profitorientierte Unternehmen sind, wuchs der Wunsch in uns beiden, zukünftig im Social Business tätig zu sein. Wir brennen für soziale Innovationen und möchten nicht nur in unserer Freizeit einen Teil zu einer besseren, sozialen, nachhaltigen Welt beitragen.
Berit: Außerdem wurde das Unternehmen vor neue Herausforderungen gestellt und es gab strukturelle Änderungen. Das war ein Prozess, in den wir auch sehr stark einbezogen wurden. Dafür waren wir auch sehr dankbar. Schlussendlich aber hatten diese Änderungen großen Einfluss auf unsere Verantwortlichkeiten und Entscheidungsspielräume. Entscheidungen, die wir zuvor ohne Weiteres selbständig getroffen haben, sollten nun mit der Geschäftsführung besprochen werden. Damit waren wir nicht mehr glücklich, da wir unsere Arbeit immer richtig gut gemacht haben und uns das sowohl die Geschäftsführung, das Team und die Kunden bestätigten.

Das Unternehmen hat ein tolles Team verloren. Wie hätte der Weg aussehen müssen, damit ihr geblieben wärt?
Berit: Wir haben uns Unterstützung von außen gewünscht – im Rahmen einer Beratung. Dort hätte man zum Beispiel besprochen, wie wir mit den neuen Herausforderungen umgehen können? Welche Wege und Optionen es gibt? Ich denke, hier wurde an der falschen Stelle gespart.
Ulli: Die agilen Werte konnten und wollten nicht so gelebt werden, wie wir es möchten, es als richtig erachten und uns wichtig ist. Es wurde ein anderer Weg bevorzugt – nur passen wir da nicht rein.
Berit: Wir möchten an dieser Stelle ganz ausdrücklich sagen, dass wir die strukturellen Entscheidungen der Geschäftsführung total verstanden haben, uns jedoch einen anderen Weg und neue Zielgruppen gewünscht hätten.

Dann habt ihr beschlossen euch als Tandem selbständig zu machen – wie kam es dazu? Eine Festanstellung kam für euch nicht mehr in Frage?
Ulli: Uns war klar, dass wir als Tandem sehr gut funktionieren. Unsere Zusammenarbeit basiert auf Vertrauen. Für uns zählen dieselben Werte – die besten Freunde im Berufsleben eben. Das ist uns viel wert und wir wollen deshalb auch den weiteren beruflichen Weg gemeinsam gehen.
Berit: Eine Festanstellung als Tandem haben wir nicht ausgeschlossen. Es gab auch einige Bewerbungen und gute Gespräche. In diesen und in anderen Gesprächen mit Sozialunternehmern haben wir festgestellt, dass agile Methoden im Social Business zwar gebraucht werden, aber noch nicht ausreichend etabliert sind. Daraus leitete sich die Erkenntnis ab, dass wir als Beraterinnen für viele Unternehmen mehr bewirken können als als Festangestellte in einem einzigen Unternehmen. So war die Idee für Agilanda geboren.

Was sind die größten Vorteile von Jobsharing für euch als selbständiges Tandem?
Berit: Wir genießen fast die gleichen Vorteile wie ein Angestellten-Tandem. Aber in der Selbständigkeit kommt das unternehmerische Risiko hinzu, das wir uns natürlich teilen. Durch unsere verschiedenen Stärken haben wir uns schon immer ergänzt. Und das wurde in der Selbständigkeit noch wichtiger als zuvor.
Ulli: Wir haben die Möglichkeit, nicht gleichmäßig viel Power geben zu müssen, das wäre auch unrealistisch. Wir gleichen uns also auf verschiedenen Ebenen aus – wie zum Beispiel Zeit, Kreativität, Mut und Durchhaltevermögen.

Bitte vervollständigt diesen Satz: „Jobsharing ermöglicht mir….“
Ulli: … in Teilzeit selbständig zu sein UND Zeit mit meiner Familie intensiv zu nutzen.
Berit: … ich zu bleiben, neben den Aufgaben als Unternehmerin, Lebenspartnerin und Mutter.

Ganz herzlichen Dank für das Interview und eure Zeit!

1 Kommentare

  1. Ein selbstständiger Fan

    Schönes Interview zu einem aktuellen Thema: Wie kann ich als UnternehmerIn in den heutigen Zeiten Karriere, Familie, Haushalt und Freizeit unter einen Hut bekommen ohne aus Zeitgründen alles an externe Dienstleister auszulagern zu müssen Der Ansatz Jobsharing / Tandem für Selbstständige gefällt mir.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.