„Wir sollten das eigene Glück nicht vernachlässigen“ – Jürg Wiler über Teilzeit, Jobsharing und was im Leben wirklich zählt

Männer in Teilzeit und in Jobsharing-Modellen – ja, es gibt sie! Flexibles Arbeiten ist längst kein reines Frauenthema mehr, denn auch immer mehr Männer entscheiden sich bewusst für mehr Zeit und weniger Arbeit.

Jürg Wiler ist Geschäftsführer der Schweizer Kampagne „Der Teilzeitmann“, arbeitet im Jobsharing mit Gründer Andy Keel zusammen und ist somit gleich doppeltes Vorbild für eine lebensfreundliche Arbeitswelt. Im Interview hat er uns verraten, worum es beim Pionierprojekt geht, wie er selber dazu kam, weniger zu arbeiten und warum Teilzeit seinen Alltag zwar nicht unbedingt einfacher, aber in jedem Fall reicher gemacht hat.

Jürg, du hast von bisher 30 Arbeitsjahren bereits 20 Jahre in Teilzeit gearbeitet. Was war und ist deine Motivation dazu?
Meine Partnerin und ich vereinbarten irgendwann salopp, dass wir uns in der Betreuung teilen würden, falls Kinder kämen. Mir wurden die Konsequenzen daraus erst nach der Geburt unseres ersten Kindes richtig bewusst – damit war das Thema Karriere für mich vom Tisch. Während rund 9 Jahren haben wir uns die Verantwortung für Erwerbsarbeit und Kinderbetreuung je etwa zur Hälfte geteilt. Die ersten anderthalb Jahre waren eine Durststrecke für mich, da ich mich als blosser „Zudiener“ fühlte. Seitdem ich einen Draht zu unseren beiden Kids habe, schöpfe ich viel Kraft aus unserer Beziehung. Auch konnte ich meine Kompetenzen massiv erweitern. Daneben habe ich Teilzeit für eine Weiterbildung genutzt. Fazit: Es war einer meiner besten Entscheide überhaupt.

Hat sich deine Motivation im Laufe der Zeit geändert?
Ja. Meine 16-jährige Tochter und mein 13-jähriger Sohn brauchen mich inzwischen untertags nicht mehr. Der wertvolle Freiraum zuhause bringt für mich weiterhin eine höhere Lebensqualität. Da ich mich in mehreren Lebenswelten aufhalte, erhole ich mich schneller. Ich kann dem immer gleich drehenden Hamsterrad entsteigen und besser ab- und umschalten. Mein Leben ist runder, ganzheitlicher und selbstbestimmter geworden. Ich bin überzeugt: Teilzeitarbeit macht den Alltag zwar nicht einfacher, aber reicher.

Ist Teilzeit für dich ein Lebensphasenmodell – oder eher eine Grundeinstellung?
Für mich ist gut zu wissen, dass Teilzeit nur für eine bestimmte Phase sein kann, also nicht das ganze Arbeitsleben über gelten muss. Nur: Konkret integriere ich dieses Modell immer mehr in meinen Lebensentwurf. Ich will nie mehr Vollzeit arbeiten. Übrigens: Eine klassische Karriere war durch meinen Entscheid nicht mehr möglich. Dafür wurde für mich immer wichtiger, dass meine Arbeit herausfordernd ist und mich die Erfahrungen persönlich weiterbringen. Das war in meinen beruflichen Wanderjahren bei verschiedenen Tätigkeiten wie Hilfspfleger, Luftfrachtspediteur, Pharma-Sachbearbeiter und Seasonal Flight-Attendant und später als Journalist, Informationsbeauftragter und Projektleiter der Fall.

Du sagst, dass Teilzeit einer klassischen Karriere immer noch entgegensteht. Ist es nicht eine modernere, ja viel lebensfreundlichere Form der Karriere, wenn es gelingt, das Leben, so wie du es tust, ganzheitlich zu gestalten? Muss Karriere immer nach „oben“ führen, oder ist es nicht vielmehr erstrebenswert, dass sie mitten ins Leben führt und passt?
Davon bin ich felsenfest überzeugt. Je länger je mehr staune ich, wie viele Männer sich immer noch für eine so genannte Karriere abstrampeln – nur die wenigsten erreichen jedoch dieses hochgesteckte Ziel, dem sie so vieles unterordnen. Wichtig für mich ist das Buch “Fünf Dinge, die Sterbende am meisten bereuen” der australischen Altenpflegerin Bronnie Ware. So bereuten die befragten Sterbenden zum Beispiel, nicht den Mut gehabt zu haben, ihr eigenes Leben gelebt zu haben. Sie glaubten, sie hätten ihr Leben zu sehr allgemeinen Konventionen untergeordnet. Sie wünschten, sie hätten sich erlaubt, glücklicher zu sein. Und ausnahmslos jeder Mann, den Bronnie Ware in den Tod begleitet hatte, sagte offenbar: «Ich wünschte, ich hätte nicht so viel gearbeitet.» Die Männer bereuten, so viel Zeit in den Tretmühlen der Arbeitswelt verbracht zu haben – und bedauerten, deswegen zum Beispiel zu wenig Zeit für die Familie gehabt zu haben. Sie hatten die Kindheit ihres Nachwuchses verpasst – genauso wie die Gesellschaft ihres Partners. Meine Ansicht dazu: Wir sollten unsere Wertmassstäbe ganz offen und ehrlich hinterfragen: Was ist mir in meinem Leben wirklich wichtig? Was macht wirklich Sinn für mich? Unser Dasein ist wertvoll, aber kurz – wir sollten das eigene Glück nicht vernachlässigen.

Aktuell machst du dich, gemeinsam mit Andy Keel, für die Initiative „Der Teilzeitmann“ in der Schweiz stark. Worum geht es euch genau bei dieser Kampagne?
Eine repräsentative Studie in einem Kanton zeigt, dass 90 Prozent der Männer Teilzeit arbeiten möchten – faktisch tun es aber in der Schweiz nur 13 Prozent. Es besteht also ein tiefer Graben zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Mit dem Projekt, das vom Bund finanziert wird, wollen wir sowohl die einzelnen Männer als auch Arbeitgeber und Gesellschaft für Teilzeitarbeit sensibilisieren. Neben einer Wanderkampagne mit Testimonials, die Unternehmen kostenlos buchen können, besteht die Internetplattform teilzeitkarriere.ch, auf der täglich rund 8000 Teilzeitstellen aufgelistet sind. Auf teilzeitmann.ch finden Interessierte viele Informationen rund ums Thema Teilzeit.

Was ist dein Antrieb, bei diesem Pionierprojekt mitzumachen?
Mein „Benzin“ ist einerseits meine jahrelange persönliche Erfahrung. Anderseits zeigen Untersuchungen: Teilzeit wirkt sich nicht nur positiv auf die Lebensbalance von Mitarbeitenden aus, sondern kommt auch den Arbeitgebern zugute. Weil Teilzeitmitarbeitende motivierter, effizienter und loyaler sind. Studien kommen zum Schluss, dass Teilzeitarbeit betriebswirtschaftlich rentabel ist; sie weisen eine bemerkenswerte Rendite von 8 Prozent für Unternehmen aus. Das will ich interessierten Männern und Arbeitgebern weitergeben.

Dein Partner und du arbeiten im Jobsharing-Modell zusammen. Wie teilt ihr beiden euch auf?
Andy und ich sind als Charaktere grundverschieden, aber wir ergänzen uns sehr gut mit unseren Stärken. Er ist stark im unternehmerischen Denken und Handeln, mit seinen Ideen und Visionen. Daher ist er verantwortlich für die Weiterentwicklung – notabene wollen wir die Kampagne nach Deutschland und Österreich bringen –, für die Kooperationen und Finanzen. Ich bin für die Geschäftsführung zuständig sowie für die Kommunikation und die Akquisition der Unternehmen.

Du hast in deinem vorherigen Job als Journalist auch schon im Jobsharing-Modell gearbeitet. Kam die Initiative damals von dir, was war der Auslöser?
Vor rund 17 Jahren hatte ich bei einer Tageszeitung zusammen mit meinem Stellenpartner 4 Jahre lang die erste Jobsharing-Stelle inne. Er arbeitete vorher schon dort und wollte auf 50 Prozent reduzieren, ich bekam die anderen 50 Prozent. Dieses Pensum habe ich genutzt, um daneben einen Master in Kommunikationsmanagement zu machen und weiterhin zweieinhalb Tage die Woche für den Nachwuchs da zu sein.

Was würdest du allen Menschen dort draußen mitgeben, die noch zweifeln, ob Jobsharing etwas für sie ist?
Grundvoraussetzung für mich ist, dass es auf persönlicher Ebene mit meiner zukünftigen Berufspartnerin oder meinem -Partner funktioniert. Mitbringen sollte man eine ausgeprägte Kommunikations- und Konfliktfähigkeit, hohes persönliches Verantwortungsbewusstsein, Fähigkeit zur Kooperation sowie einen hohen Organisationsgrad punkto Aufgaben- und Zeitmanagement. Wer über Motivation und Engagement verfügt, dem oder der winken beim Jobsharing aufgrund des doppelten Know-hows viel Kreativität und Power!

Danke, Jürg, für deine Zeit! 

2 Kommentare

  1. Markus Müller

    Ich kann die Idee nur als grandios bezeichnen. Allerdings ist sie weder neu, noch für die meisten Männer realisierbar. Mit der Hälfte meines Gehaltes müsste ich auf der Stelle mein Haus verkaufen und mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren. Wenn es welche in der Nähe des Ortes gäbe.
    Tut mir leid aber ich weiß genau warum es sich 90 % der Männer um einen Traum handelt.

    Besten Gruß
    Markus Müller (immer für hohe Halbtagsgehälter offen)

  2. Hallo Markus,

    man kann durchaus zu zweit mit reduziertem Einkommen leben, wenn man sein Leben etwas umstellt. Wenn man sich hohe finanzielle Verpflichtungen aufbürdet ist das nicht einfach aber es gibt immer einen Weg. Ich als teilzeitarbeitende Alleinerziehende mit Eigentumswohnung habe den Weg auch gefunden, weil ich wirklich wollte. Wenn du etwas erreichen willst, das du noch nicht hattest, musst du Dinge tun, die du noch nie getan hast. Vielleicht genießt Du Haus und Auto mehr, wenn dir klar wird, dass du es gar nicht aufgeben willst?!

    Herzliche Grüße,
    Petra aus München

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